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Gedanken zum Sonntag (25.08.2001)

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Wer macht sich schon noch Gedanken zum Sonntag? Ist der Sonntag nicht längst untergegangen in unserer „7 Tage Woche“ und in unserer „Rund um die Uhr Gesellschaft“? Vielleicht noch nicht ganz. Vielleicht noch nicht für Jeden oder Jede. Aber was wäre, wenn? Darum möchte ich mit ihnen meine Gedanken kreisen lassen:

Freudenstadt nenne ich sie darum in meinen Gedanken, die kleine Stadt, wie sie einmal hieß. Freudenstadt. Und so ging es dort auch zu. Die Leute lachten oft, saßen am Abend zusammen und feierten, was immer es zu feiern gab. Sie genossen die Sonntage. Und fast in jeder Woche gab es noch einen zusätzlichen Feiertag. Sie fanden es schön, in der Kirche zu sitzen, eine Predigt zu hören, Lieder zu singen und nachher den Sonntagsbraten zu essen.

Freudenstadt war schön. Nur, die Leute wurden nicht reich.
Es muss etwas geschehen, beschlossen sie darum: „Keine Feiertage mehr während der Woche! Und auch am Sonntag wollen wir arbeiten. Die Kinder sollen in ein Tages-, die Alten ins Alters-, die Kranken ins Pflegeheim!“ Rasch wurde alles gebaut. Freudenstadt wurde zum großen Bauplatz.

„Warum heißen wir eigentlich noch Freudenstadt?“ fragte einer, „Werklingen sollten wir heißen.“ Und auch dieser Vorschlag wurde angenommen.
Werklingen wurde groß, grau, laut, langweilig und gefährlich. Die Leute trafen sich kaum noch, kannten sich nicht, grüßten sich nicht.

Manchmal schlichen die Kinder aus dem Tagesheim zu den Großeltern ins Altersheim. „Es gefällt uns nicht in Werklingen“, sagten sie. „Ja, ja“, murmelten die Großeltern. „Stimmt es, dass es früher Freudenstadt hieß?“ „Ja, das stimmt.“ „Und war es auch fröhlicher?“ „Viel fröhlicher“, sagten die Großeltern. „Aber wieso wurde es anders?“ fragten die Kinder. „Es begann damit, dass wir die Feiertage abschafften“, antworteten die Großeltern. Die Kinder schauten sie mit großen Augen an.

„Was sind Feiertage?“ (nach einer Geschichte von Josef Osterwalder)

Gute Frage! Was sind Feiertage? Was ein Sonntag? Nur Kinder können so gute Fragen stellen.

Ob meine drei „Sonntagsgedanken“ eine ebenso gute Antwort sind? Ich weiß nicht.

Aber der erste Gedanke, der mir kommt, ist, dass der Sonntag eine notwendige Unterbrechung ist. Ohne ihn sind alle Tage nur noch Werktage, und das hat Folgen. Die Geschichte deutet es an.

Mein zweiter „Sonntagsgedanke“ ist, dass der Sonntag nötig ist, damit die Ewigkeit Zeit hat, uns zu berühren. Denn von dieser Berührung leben wir. Aus ihr erwächst die Freude, die das Leben zum Leben macht. Leben, das selbst dem Tod standhält. So wie Maria Magdalena von der Ewigkeit berührt wird als sie an jenem ersten Sonntag dem Auferstandenen im Garten begegnet und ihn zunächst für den Gärtner hält, bis er sie bei ihrem Namen ruft: „Maria“. Im Hohen Chor der Elisabethkirche gibt es zwei Fenster, die diese Sonntagsbegegnung zeigen.

In meinem dritten „Sonntagsgedanken“ frage ich mich, was denn überhaupt den Sonntag zum Sonntag macht? Endlich ausschlafen können? Gut essen? Machen können, was ich will? Oder dass sich sonst alle Wünsche erfüllen, die im Werktag auf der Strecke geblieben sind? Nein! Auch wenn sich alle Wünsche erfüllten, Sonntag würde so noch nicht.

Sonntag - glaube ich - wird es erst, wo es geschieht, dass ich mit Gott zu sprechen beginne, wie mit einem Freund.

Sonntagsgedanken. Das waren für heute meine. Jetzt sind sie dran.

Pfr. Dietrich
in der OP am 25.8.2001


Was (für) Leiden(-)schaft

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Das Leid leid sein, wahrscheinlich ist das ziemlich normal. All das Leid, das täglich in unsere Häuser kommt - auch durch diese Zeitung. Leid, von dem uns die Augen wund werden und die Ohren dröhnen. Leid, das Menschen einander zufügen in Tschetschenien, im Kosovo oder wo sonst gerade Krieg geführt wird. Leid, auf unseren Straßen, in unseren Häusern und Betrieben. Wer kann soviel Leid leiden?

Da hilft nur noch abschalten. Weggucken. Augen zu. - Wirklich? Christen versuchen in diesen Tagen der Passionszeit etwas anderes. Sie versuchen hinzuhören und hinzuschauen. Sie versuchen sich dem Leiden zu stellen. Der, dem sie nachfolgen, der Nazarener, hat es vorgemacht. Er hat sich dem Leiden gestellt, obwohl es vermeidlich gewesen wäre. Er hat Leiden auf sich genommen, nicht für sich, sondern für andere. Kaiphas, sein Ankläger, formuliert es im Blick auf das drohende politische Leid für sein Volk durch die Römer treffend: "Es ist besser, daß ein einziger Mensch für das Volk stirbt." Und so geschieht es dann. Zu den falschen Anschuldigungen schweigt der Zimmermann. Die Schläge hält er aus. Das Kreuz trägt er selbst. Die Nägel durchdringen seine Hände und Füße. Sein eigenes Gewicht raubt ihm den Atem und schließlich das Leben. Warum?

Warum Leiden? Warum dieser? Warum ich? Warum überhaupt? Dem Nazarener folgen heißt, diese Fragen aushalten. Heißt, keine Antwort haben. Heißt darum, mitleiden. Und schließlich, mitsterben. Und darin - wie er - hoffen, daß Antwort wird ... Viele Christen im Laufe der langen Geschichte des Christentums sind Jesus gefolgt, sind dem Leiden nicht ausgewichen, sind ihrem Glauben treu geblieben, bis in den Tod. Als Märtyrer sind sie zum Samen der Kirche geworden.

Neben diesem Leid gilt es aber auch sich dem Leid zu stellen, das im Namen der Kirche unschuldigen Menschen zugefügt worden ist: Ketzern und Hexen, Muslimen und Juden. Für die Kreuzzüge und die Verfolgung Andersgläubiger ist es Zeit, um Vergebung zu bitten. So, wie es der Papst in diesen Tagen für die römisch katholische Kirche getan hat.

Das Leid leid sein, wegschauen und verdrängen, darf eben nicht normal werden für Christen. Im Gegenteil. Das Kirchenjahr in seiner "Weisheit" erinnert sieben Wochen lang an die Passion Jesu. Im Blick darauf wird eigenes Versagen, das Versagen der Kirche, Schuld und Leid unübersehbar. Was hilft, wenn das nicht mehr zu ertragen ist? Nur dies, dorthin zu gehen, wo er es für uns trägt. Sein Leiden schafft Entschuldigung.

Pfarrer B. Dietrich,
i. d. OP April 00


Einer muß anfangen

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Frieden. Nichts mehr wünschen sich Menschen. Ob in diesen Tagen im Kosovo, wo jetzt - Gott sei Dank - die Waffen schweigen und wenigsten die äußeren Bedingungen für ihn wieder hergestellt werden, oder hier bei uns in Marburg, in unsererm gesellschaftlichen Miteinander, in den menschlichen Beziehungen, im persönlichen Leben.

Was ist das überhaupt, Frieden? Die bloße Abwesenheit von Gewalt, von Streit, von Krieg? Die Abwesenheit von Neid, Habgier und Mißgunst? Nein, das ist schon viel, aber Frieden ist mehr. Sonst wäre er ja nicht immer wieder Gegenstand ungestillter Sehnsucht sovieler Menschen.

Frieden ist etwas Großes und Schönes. Der Prophet Jesaja "sieht" in ihm Wolf und Schaf beieinander weiden und den Löwen Stroh fressen, wie das Rind. Friede ist der Einklang des Menschen mit der Schöpfung, mit dem Leben selbst, mit Gott.

Ist solcher Friede Menschen möglich? Nein und Ja. Nein, denn Menschen möglich ist vielleicht die Zurückdrängung von Gewalt mit Gewalt, aber Frieden ... ? Ja, wenn Menschen sich Frieden geben lassen. Es gibt einen Frieden, der höher ist als alle Vernunft, den können Menschen sich geben lassen. Die Freunde Jesu etwa lassen sich diesen Frieden geben, als er zu ihnen sagt: "Meinen Frieden gebe ich euch." (Joh 14,27) Was gibt Jesus da seinen Freunden eigentlich? Er gibt sich letztlich selbst. Er gibt sein Lieben, sein Leiden, sein Leben. Das ganze Neue Testament ist eine einzige Entfaltung dieser Gabe.

Wer sich solchen Frieden geben läßt, hat genug. Genug für sich. Genug für andere. Nur so, glaube ich, kann Frieden werden, wenn einer anfängt, sich beschenken zu lassen, bis er es nicht mehr für sich behalten kann, bis er - wie Jesus - weitergibt, was er selber bekam: Frieden, höher als alle Vernunft.

"Unmöglich. So geht das nicht. Der Pfarrer hat gut reden", werfen sie vielleicht ein. OK. Dann hören sie wie es geht:

Ein Chassid erzählt einem anderen Chassiden: "Unser Rabbi kam einmal an einen Fluß, den er überqueren mußte. Aber es gab kein Boot, keine Brücke, nichts. Da nahm unser Rabbi sein Taschentuch, legte es auf das Wasser, stellte sich darauf und gelangte so ans andere Ufer." "Unsinn", sagte der andere, "wie soll das gehen?" "Nebbich, du hörst doch, daß es geht".

Hören, daß es geht. Hören, wie es geht und daß es geht: "Meinen Frieden gebe ich euch". Er fängt an, weil einer anfangen muß. Er gibt Frieden. Und wir? Wir können uns Frieden geben lassen und dann beten wie Franz von Assisi: "O, Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens."

Pfarrer B. Dietrich,
i. d. OP Juni 99


Geht die Welt unter?

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Eine Betrachtung zum Millenium

Noch 7 ½ Monate bis zum neuen Jahrtausend. Und kaum etwas bewegt die Gemüter so sehr, wie diese Zeitenwende. Viele blicken mit Hoffnung in die Zukunft, weiß eine Umfrage. Andere werden von Ängsten und Katastrophenscenarien geplagt. In jedem Fall, unberührt bleibt kaum einer: Wie wird sie sein, diese Wende? Was bringt sie mit an Veränderungen, an Neuem, an Bedrohlichem? Wie wird die Zukunft sein? Für mich persönlich? Für den Planeten Erde?

Klar, daß da die Astrologen Hochkonjunktur haben. Klar, daß die Zukunftsforscher mit hochgezüchteter Rechenpower den Trends auf der Spur sind, um die Zukunft in den Griff zu bekommen und ihr das Beängstigende und das Bedrohliche zu nehmen.


Ganz anders der Glaube:

Die Juden in einer kleinen Stadt in Rußland warteten sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Rabbi. Sie hatten so viele Fragen, die sie dem gelehrten Mann stellen wollten. Als er schließlich bei ihnen eintraf, konnte der Rabbi die Spannung spüren, in der die Leute auf seine Antworten warteten. Zuerst sagte er nichts, er schaute den fragenden Menschen in die Augen, summte eine schwermütige Melodie. Langsam fielen alle Menschen ein und summten mit. Dann begann der Rabbi zu singen, und alle sangen mit ihm. Dann wiegte er seinen Körper, und schließlich tanzte er mit feierlichen Schritten. Die Gemeinde folgte seinem Beispiel. Bald waren sie so vom Singen und gottesdienstlichen Tanz gefangen, daß sie auf nichts mehr achteten. Die Spannung wich einer wunderbaren Erlösung. Die Menschen wurden innen angerührt und von ihrer Zerrissenheit geheilt. Die vielen Fragen kamen zur Ruhe. Gut eine Stunde war vergangen, als das Singen und Tanzen langsam aufhörte. Die Menschen tauchten in einen schweigenden Frieden ein, der den ganzen Raum und ihre Herzen erfüllte. Dann sagte der Rabbi die einzigen Worte an dem Abend: "Ich hoffe, daß eure vielen Fragen beantwortet sind!"

Das ist Glaube: angerührt werden vom Unsagbaren. Mit dem Rabbi aus Nazareth eintauchen in den Gesang der Ewigkeit. Heil werden von den Zerrissenheiten. Mit ihm ins Leben tanzen, selbst durch den Tod hindurch. Hinein - in diesem mystischen Tanz - in den Raum der Liebe, der Gott ist. Das Leben selbst, die Zukunft.


Geht die Welt unter?

Das ist keine Frage mehr. Ich tanze mit dem Leben selbst. Gott allein genügt.

Mögen sie angerührt werden, liebe Leserin, lieber Leser, vom Unsagbaren und in Gelassenheit dem dritten Jahrtausend entgegensehen.

Pfarrer B. Dietrich,
f. d. OP April 99



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