Aktuelles - Besinnung


Übersicht | Termine & Veranstaltungen | Bekanntmachungen | Besinnung | Wort für Heute | FBS Angebote

Besinnungen in der Zeit:
2002 2002 2001 2001 2001 2001 2001 2001 2001 2001 2001

2001

Jan Feb Mrz Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez


Hoffnungsbilder

Es war unser jüdischer Freund Benjamin. Benjamin Jeremias. Vor fast genau 30 Jahren hatte wir ihn in Marburg kennengelernt. Er war mit seiner Frau Hanna auf einer sehr bemerkenswerten Missionsreise in Deutschland, das vor 1933 ihrer beider Heimat gewesen war. In Naharija, in Israel verdiente sich Benjamin seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Flaschengas, sein Lebensinhalt war Brückenbauen. Junge Israelis - jüdischen und moslemischen Glaubens - sollten es lernen, gegenseitige Vorurteile abzubauen; sie sollten einander kennenlernen in einem Land, das ein lebendiges oder besser: tödliches Beispiel dafür war, was Menschen anderen anzutun bereit sind, wenn sie sich nicht die Mühe machen, einander als Menschen zu achten.

Benjamin verdanke ich eine mir bis heute wichtige Begegnung. Natürlich zeigte er uns bei unserem nächsten Besuch in Israel - nicht ohne berechtigten Stolz - arabische Dörfer in Galiläa, in denen seine Friedensarbeit Früchte getragen hatte.

Auf einer dieser Fahrten arrangierte er für uns das Gespräch mit dem Bürgermeister eines galiläischen Dorfes. Er stellte uns als Christen vor und mich als eine Geistliche in der Kirche in Deutschland.

Die Worte, die der Bürgermeister zu unserer Begrüßung sprach, habe ich vergessen. Unvergeßlich ist mir die Geste, die Benjamin uns deutete. Dieser Mann legte seinen beiden Zeigefinger nebeneinander, Bejamin übersetzte: Menschen, die an Gott glauben, müssen zusammenstehen (das war die Bedeutung der nebeneinandergelegten Zeigefinger) - und das umso mehr, als die Welt, in der wir leben, gottlos ist." Und er fügte hinzu: "Gläubige Christen sind mir lieber als gleichgültige Muslime."

Als wir einige Jahre später in Kairo wohnten, wurde die Deutsche Evangelische Oberschule, in der mein Mann unterrichtete, neu gebaut.

Nach einem Gesetz des ägyptischen Staates muß jedes öffentliche Gebäude eine Moschee haben. Die Deutsche Evangelische Gemeinde in Kairo als der Schulträger sah keine Möglichkeit, dieses Gesetz auf den Schulneubau nicht anzuwenden. Und so sollte es in einer einberufenen Gemeindeversammlung nur noch um die Frage gehen, ob denn unter diesen Umständen auch ein Andachtsraum für die christlichen Schüler nötig sei. Immerhin bestand ein Fünftel der Schülerschaft aus Christen - hauptsächlich Kopten, die die direkten Nachfahren des pharaonischen Ägypten sind.

Die Gemeindeversammlung - allen voran der aus Deutschland entsandte Pfarrer und der ebenfalls aus Deutschland entsandte Direktor meinten: Dem deutschen Steuerzahler, der ja nun schon die Moschee für Knaben und die Moschee für Mädchen finanzierte, seien die Mehrkosten für einen Andachtsraum für die christlichen Schüler nicht zuzumuten.

Von meinem Argument, dies sei ein negatives Bekenntnis für den christlichen Glauben, ließ sich die Mehrheit nicht überzeugen. Falls einmal eine Andacht gehalten werden sollte, könnte man einen Mehrzweckraum dafür nutzen. Das Problem ist eines geblieben.

Wie soll der andere Achtung vor dem gewinnen, was mir wichtig ist - wenn ich selber gleichgültig bin?

Wie manche deutsche Frau, die einst nach Ägypten geheiratet hatte und mit einem Federstrich ihr Christsein aufgegeben hatte, habe ich kennengelernt, die in der Lebensmitte über diesen Schritt anders dachte. Aber dann gibt es kaum noch Zurück! Der im Weihnachtsgottesdienst ermordete Koptische Priester, der einen jungen Moslem getauft hatte, ist kein Einzelfall. Warnung allemal.

Ist unter solchen Umständen Verständigung, friedliches Zusammenleben möglich?

Die Christen in muslimischen Ländern wissen, wie schwer das ist und welchen Einschränkungen sie ausgesetzt sind. Nicht nur im Ramadan.

Nicht vergessen sind die Zwangsmoslemisierungen z. B. nach dem 1. Weltkrieg im damals überwiegend christlichen Osten der Türkei. Wer standhaft blieb, wurde umgebracht. Viele entkamen in den Norden des heutigen Irak.

Nicht vergessen dürfen wir die Zwangstaufen an unseren jüdischen Mitbürgern; die Pogrome und die ungeheure Rechthaberei, mit der manche Christen bis heute versuchen, Menschen jüdischen Glaubens religiös zu beerben.

Wäre das der Weg, den eine Leserbriefschreiberin nach dem 11. September vorschlug: Alle Religionen endlich abzuschaffen, denn sie seien das größte Hindernis auf dem Weg zum Weltfrieden.

Ich dächte, so wäre ein Weg: Menschen besinnen sich auf das Wesen ihrer jeweiligen Religion. Für uns Christen dürfte dabei am Ende stehen: so wie du von Gott geliebt und aufgenommen bist mit deiner Licht- und mit deiner Schattenseite, so ist jeder andere Mensch von Gott angenommen. Ob er das weiß und wahrhaben will oder nicht.

So wie du schuldig wirst durch die Entscheidungen, die du täglich triffst, so werden andere Menschen auch schuldig. Um leben zu können, brauchen wir einen Gott, der uns von diesen Lasten befreit.

So wie du sterben wirst, so wird jeder andere Mensch auch sterben und angewiesen sein auf Gottes Freispruch.

Das wird uns verbinden - Juden, Christen, Muslime.

Ich finde in meinem christlichen Glauben alle Freiheit, die ich zum Leben brauche und alle Hoffungsbilder, die mich trösten, wenn ich daran denke, daß ich eines Tages diese Welt verlassen werde. Und das bezeuge ich mit Freude.

Gott gebe, daß Menschen in ihrer Religion finden, was ihnen zum Leben hilft und was ihnen Trost und Hoffnung im Sterben ist. So werden sie auch Frieden untereinander halten.

Dekanin Helga Bundesmann-Lotz, ev.



pfeil_l.gif Gemeindekreise Übersicht | Termine & Veranstaltungen | Bekanntmachungen | Besinnung | Wort für Heute | FBS Angebote pfeil_r.gif Pinwand

Copyright © 1998-2002 Elisabethkirchengemeinde Marburg
Letzte Änderung am 31.01.2002 11:42