Demut


In der vierten Wohnung beginnt eine zweite Phase des mystischen Weges: Gott übernimmt die Führung und Aktivität, der Mensch hat sich zunehmend passiv zu verhalten.

Teresa nennt das hierzu erforderliche Gebet das „Gebet der Ruhe“. In ihrer „Vida“ war von der Zuleitung des Wassers aus einem Bach oder einer Quelle in den Garten die Rede gewesen (16. 1).

In den „Moradas“ wählt Teresa das Bild vom Brunnen, aus dessen Tiefen ein Quell hervorsprudelt und das Brunnenbecken füllt. Das Tun Gottes wird allen sichtbar. Die Fähigkeiten des Menschen, seine Aufmerksamkeit, sein Wollen und Lieben sind nach innen gerichtet.

Es ist dies ein ganz eigener Zustand, in dem das Übernatürliche mit dem Natürlichen vermengt ist. Der Mensch gerät in einen Zustand der in Gott ruhenden Seligkeit. Zur Zeit Teresas spricht man in diesem Zusammenhang von der „Gebundenheit des Willens“. So kann das Beten nicht mehr schlußfolgernd ablaufen.

Mit dem „Betrachten“ im eigentlichen Sinn ist es hier vorbei; dennoch empfiehlt es Teresa weiterhin außerhalb des „Gebets der Ruhe“ als unerläßliche Übung. Obwohl das sogenannte diskursive Denken nicht mehr möglich ist, schwirren die Gedanken noch herum. Der Verstand möchte verstehen, was er nicht begreifen kann: Er „irrt herum wie ein lästiger Narr“ und das Beste ist, „man kümmert sich nicht um ihn“ (vgl. 4 Mor. 3,8).

Der Betende besinnt sich darauf, daß er vor Gott steht, daß Gott ihn ruft, und er soll - wenn er kann - Gott ein Wort der Liebe sagen oder besser ohne Worte sein Gefühl sprechen lassen.
Liebende Vergegenwärtigung hat die kreisende Betrachtung abgelöst

Auf dieser Stufe findet also erstmals ein wirklicher Austausch statt. Vor allem wird zum ersten Mal der „Seelengrund“ erfahren, jener Ort, in dem später als „Mitte“ die Erkenntnis und die Vereinigung mit der Gottheit erfolgen.

Die tief beglückende Erfahrung dieser Stufe soll dem inneren Menschen Freiheit, Zuversicht und Kraft zum Weitergehen geben. Wenn jedoch der Mensch sich anmaßt, weitere Gnaden und Beseligungen zu erzwingen, ist der Weg an dieser Stelle zu Ende. Denn in dieser Wohnung kommt alles darauf an, nichts zu erstreben außer der Nachfolge des Herrn, ihn zu lieben ohne Eigennutz (4 Mor. 2,9). Die Losung lautet „Demut“.



pfeil_l.gif Seite 010 pfeil_r.gif Seite 012

Copyright © 1999 Pfr. B. Dietrich und Dr. M. Schwarten
Letzte Änderung am 19. März 1999 um 16:00