LoslassenDie fünfte Wohnung ist durch dieses völlige Loslassen gekennzeichnet, welches das Gebet der Vereinigung erst ermöglicht. Die verschiedenen Arten des Betens spielen noch eine große Rolle, weil es sich bei dieser Stufe stets nur um kurze, rasch vorübergehende Zustände und Erfahrungen handelt. Allerdings sind diese Zustände nicht unbedingt an die im Klosterleben vorgegebenen Gebetszeiten gebunden. Gott kommt, wann er will und wie er will (5 Mor. 1, 13; cuando quiere y como quiere. So können diese Zustände der Sammlung, der Ruhe und kurzen Vereinigung den Menschen auch mitten in seiner Arbeit, im Gespräch mit anderen oder in einem Augenblick treffen, wo er am wenigsten damit rechnet. Vor allem nützt eigene Anstrengung nichts. In diesem Gebet der Vereinigung ist alle Aufmerksamkeit der Seele auf Gott gerichtet, während die ganze Welt (wenn auch nur für kurze Zeit) für den Betenden ins Nichts versunken scheint. Im täglichen Leben darf der Mensch, der diese Stufe erreicht, nichts mehr für sich selber wünschen oder festhalten wollen. Dafür schenkt ihm Gott Beseligungen, die alle menschliche Vorstellungskraft übersteigen. Das Loslassen bedeutet keinesfalls indiferencia (Gleichgültigkeit) gegenüber der Welt, obwohl in diesem Stadium sich gelegentlich ein Überdruß an den Dingen dieser Welt bemerkbar machen kann. Wesentlich ist weder Freude noch Trauer, sondern einzig der Wunsch, alles nur noch aus Gottes Hand empfangen zu wollen. Das Gebet der Vereinigung selbst, das nach Teresa nie länger als eine halbe Stunde dauert (5 Mor 2,7: un poquito metida en la grandeza de Dios), wäre im Bild des aus der Raupe entschlüpfenden Schmetterlings12 zu sehen (5 Mor. 2). Auch der menschliche Körper hat Anteil an dieser Tiefe des Betens: Der Atem wird nicht mehr gespürt, der Blutkreislauf scheint zu stocken, der Verstand kann zwar noch staunen über das, was um ihn herum geschieht, jedoch nichts mehr eigentlich begreifen. Teresa verweist auf zwei Merkmale: Zum einen bleibt die hundertprozentige Gewißheit, daß Gott im Innern der Seele war und die Seele in Gott: So sehr prägt sich diese Erfahrung der Seele ein, daß sie selbst nach Jahren, und wenn ihr Gott gar keine weiteren Gnaden mitteilte, nicht daran zweifeln kann, daß es so war, (5 Mor. 1, 9). Zum anderen ergibt sich daraus eine äußerst wichtige Wirkung: Sobald die echte Vereinigung mit Gott geschieht, nimmt die Liebe zum Mitmenschen sehr schnell und für alle sichtbar zu. Für Teresa ist die Nächstenliebe geradezu der Beweis der Echtheit mystischer Gotteserfahrung. Sie schreibt: Denn ob wir Gott lieben, kann man nicht wissen, wenn es auch spürbare Anzeichen dafür gibt. Aber die Liebe zum Nächsten ist erkennbar. Und glaubt mir: je weiter ihr euch in dieser fortschreiten seht, um so größer ist eure Liebe zu Gott ... Wir können nämlich niemals zur vollkommenen Nächstenliebe gelangen..., wenn sie nicht aus der Wurzel der Liebe zu Gott erwächst (5 Mor. 3,8.9). Man erhält also die mystischen Gnaden einzig aus einem Grund: zur inneren Stärkung, damit man zu nützlichen Gliedern der Gemeinschaft und zu treuen Dienern Gottes wird. Es geht also nicht um das Genießen beglückender Erfahrungen. Im Gegenteil: Diese Erfahrungen bringen auch wieder ihr Kreuz mit sich. Die für eine halbe Stunde zur Vereinigung erhobene Raupe tut sich nach ihrer Entlassung als kleiner Schmetterling zunächst schwer und würde die Welt am liebsten verlassen, damit der Zustand ewig daure. Nur der Gedanke an den Willen Gottes bringt den mystischen Beter wieder zur Annahme des Kreuzes: Kurz, es zeigt sich, daß wir unser Kreuz zu tragen haben, solange wir leben. Und wer meint, er lebe, seit er diese Stufe erreicht hat, immer in Heiterkeit und Ruhe, dem sage ich, daß er sie überhaupt noch nicht erreicht hat. (5 Mor. 2,9). Die Wirkung zeigt sich in der steigenden Liebe zum Mitmenschen und in der Sorge um das Seelenheil anderer. Werke will der Herr, betont Teresa am Ende des dritten Kapitels der fünften Wohnung (5 Mor. 3. 1 1), denn das ist die wahre Vereinigung mit seinem Willen.
Letzte Änderung am 19. März 1999 um 16:00 |