Ekstase


Die sechste Wohnung ist wieder eine der Vorbereitung und des Übergangs. Sie bringt großes Leid mit sich: Krankheit, Verleumdungen, Verlassenwerden von den besten Freunden und vor allem eine tiefe Gottesferne und Gottverlassenheit, kurz: völlige Ohnmacht.

Der Mystiker kann in dieser Phase meinen, er habe all das Vorherige nur geträumt. Er verdammt alles und hält die Hölle für den ihm zukommenden Platz, sieht sich „wie ein Gekreuzigter zwischen Himmel und Erde“ - so eine Erfahrung Teresas aus der Zeit ihres Lebensrückblicks (Vida 20, 11) - und findet zu beiden keinen Zugang.

Dann aber gehören zur sechsten Wohnung die seltsamen Erscheinungen, die der Unkundige gern für das Eigentliche der Mystik hält: Visionen, Auditionen, Ekstasen, Levitationen, Erleuchtungen (überbegriffliches und bildloses Erkennen göttlicher Geheimnisse).

Bildhafte wie bildlose Visionen sind sehr ausgeprägt vorhanden. Ihre Echtheit beurteilt Teresa wiederum an deren Wirkungen, nämlich ob sie Nächstenliebe und gute Werke erzeugen oder nicht.

Wenn Teresa als nüchterne, realitätsbezogene Frau gerühmt wird, so geschieht dies hier zu Recht. Immer wieder weist sie auf die Demut hin, sich führen und beraten zu lassen, damit man nicht ein Spielball der eigenen Einbildungen werde. „La humildad es andar en verdad“ (6 Mor. 10, 8: „Demut ist Wandeln in der Wahrheit“).



pfeil_l.gif Seite 013 pfeil_r.gif Seite 015

Copyright © 1999 Pfr. B. Dietrich und Dr. M. Schwarten
Letzte Änderung am 19. März 1999 um 16:00