3. Spirituelle Grundlinien


Abschließend sollen die Grundlinien teresianischer Spiritualität nachgezeichnet und zusammengefaßt sowie die als Einheit gelebte Bipolarität im Überblick dargestellt werden.

Von Gott ergriffen - dem Menschsein verpflichtet

„Toda de Dios“, alles von Gott, in Gott, von Ihm gepackt - und deshalb dem Menschsein ganz verpflichtet, so etwa könnte man diesen Grundzug ihrer Spiritualität auf einen Nenner bringen. Im „Libro de las Fundaciones“ („Buch der Klostergründungen“) etwa spricht Teresa eingehend darüber, „wie man Gott auch bei intensivster äußerer Tätigkeit nicht zu verlieren braucht.16:

„Auch wenn euch der Gehorsam viele äußere Verpflichtungen auferlegt, etwa in der Kiiche, so wisset, auch zwischen den Kochtöpfen wandelt der Herr. (F. 5, 8) ... „Hier [ i. e. in der Welt], meine Töchter, gilt es zu beweisen, wie groß die Liebe ist, nicht in Schlupfwinkeln“ (F. 5,5).

Gerade in der letzten Wohnung der Seelenburg, also am Ende des Prozesses, hatte sie eindringlich darauf hingewiesen:

„Glaubt mir, Marta und Maria müssen beisammen sein, um den Herrn beherbergen zu können und ihn immer bei sich zu behalten“ (7 Mor. 4,14).

Und gleichzeitig:

„Ich lebe, doch ohne in mir zu leben, und erwarte ein so erhabenes Leben, daß ich sterbe, weil ich nicht sterbe.“17

Beides gehört zusammen: ein intensives Wachsein für alles Gegenwärtige und ein ungetrübter Blick auf das transzendent Endgültige. Ein Detail dieser spezifisch teresianischen Ausrichtung ist erkennbar im Bild der

„Zwei Wachskerzen, die man so dicht aneinanderhält, daß beider Flamme ein einziges Licht bilden... ähnlich jener Einheit, zu der der Docht, das Licht und das Wachs verschmelzen“ (7 Mor. 2,6).

Dieses Bild ist zusammen mit der einzigartigen Gabe Teresas zu sehen, sich ganz und gar auf das menschliche Gegenüber einzustellen und bis ins Kleinste um sein Wohlergehen Sorge zu tragen. Sie war sich voll bewußt, daß erst im Tun der Liebe die Gotteserfahrung gleichsam ratifiziert wird.11

„Bis man mir mitteilt, daß das Fieber Sie verlassen hat, werde ich immer in Sorge um Sie sein. Sehen Sie, ob nicht etwa Bleichsucht die Ursache ist, wie es bei Personen vorkommt, die an Blutarmut leiden“ (Cta. 157),

schreibt sie am 13. 12. 1576 an die ihr befreundete Priorin Maria de San José in Sevilla. An dieselbe ergehen am 8. 1 1. 1581 - also kurz vor ihrem eigenen Tod - die Zeilen:

„Ihr Brief war ein großer Trost für mich. Das ist durchaus nichts Neues, denn während andere Briefe mich ermüden, erhole ich mich bei den Ihrigen. Ich sage ihnen, wenn Sie mich lieben, so erwidere ich diese Liebe und freue mich darüber, daß sie es mir sagen“ (Cta. 387).


pfeil_l.gif Seite 017 pfeil_r.gif Seite 019

Copyright © 1999 Pfr. B. Dietrich und Dr. M. Schwarten
Letzte Änderung am 19. März 1999 um 16:00