Theresas DemutBezeichnend ist Teresas Definition von Demut: Ich dachte einmal darüber nach, warum wohl unser Herr die Demut so liebe. Da kam mir der Gedanke: Gott ist die höchste Wahrheit, und Demut ist wandeln in der Wahrheit. (6 Mor. 10, 8). Die zahllosen Schwierigkeiten der von ihr eingeleiteten Klosterreform scheinen sie eher anzustacheln als niederzudrücken. Immer dann, wenn sie weder über Personal noch über einen einzigen Heller verfügt, macht sie Zusagen für weitere Neugründungen. Obendrein hält sie Ihm - Su Majestad - dann auch noch vor, Er lasse sie und die Reform im Stich. Daß nach Teresas eigenen Worten ein Heiliger, der traurig, griesgrämig, sauertöpfisch (encapotados) ist, ein trauriger Heiliger ist, zeigt ihre realistische Art, geistliche Dinge zu behandeln und Beschauung zu leben. Einige Kostproben dokumentieren das: Als auf einer ihrer Reisen quer durch Spanien ihr Gefährt in den durch tagelange Regenfälle aufgeweichten Straßengraben stürzt und die Achse zerbricht, wendet sich Teresa vorwurfsvoll an Jesus und glaubt darauf die folgenden Verse zu vernehmen: Meine Tochter, so behandle ich zuweilen meine Freunde... Worauf Teresa nicht umhinkommt, zurückzugeben: Ja, Herr, darum habt ihr auch so wenige. Der von ihr so verehrte und geliebte Pater Gracian, ihr geistlicher Sohn und gleichzeitig ihr vorgesetzter Provinzial, scheint im Umgang mit Reittieren eklatantes Ungeschick gezeigt zu haben. Mitte Oktober 1575 zeigte sie sich in einem Brief verärgert über seine Stürze. Man müßte Sie festbinden, damit Sie nicht mehr herunterfallen (Cta. 89). Fünf Jahre später, am 4. Oktober 1580, läßt Teresa ihrem Pater aus Valladolid folgende Zeilen zukommen: An den Pater Jerónimo Graciän, Medina. Ich fürchte, dieses kleine Maultier ist nicht das richtige für meinen Pater, und ich meine, er sollte sich ein besseres kaufen ... Daß man mir nur kein Tier kauft, das meinen Pater abwirft! Bei dem jetzigen Maultier macht mir das weniger Sorge, weil es nicht hoch ist (Cta. 334). Sicher sind Schlagfertigkeit und Esprit temperamentbedingt und liegen nicht jedem. Dennoch scheint die Sache Gottes in heutiger Zeit zuweilen auch an einer gewissen Bleichsucht im oben erwähnten Sinn (vgl. Brief vom 13. 12. 1576) zu leiden. Persönlichkeiten vom Zuschnitt einer Teresa von Avila könnten auch der Kirche von heute nicht schaden.
Letzte Änderung am 19. März 1999 um 16:00 |